top of page
  • AutorenbildAlexander Preinstorfer

"Weg der Entdeckung: Eine Reise durch Europa auf zwei Rädern"



Im Jahr 2020 stand ich an einem entscheidenden Punkt meines Lebens. Nach 25 Jahren

wollte ich meine Firma und die vergangene Ära hinter mir lassen, um etwas Neues zu

wagen. Doch die Frage war: Was sollte dieses Neue sein? Da ich seit meiner Jugend

leidenschaftlicher Radfahrer und Radreisender bin, war die Antwort schnell gefunden –

eine Abenteuer-Radreise. Dies schien mir die ideale Möglichkeit zu sein, meine

Gedanken zu ordnen und meine Ziele für die Zukunft neu zu gestalten.

Das, was mich als Mensch auszeichnet, sind meine Disziplin, mein Durchhaltevermögen

und ein inneres Feuer, das mich antreibt, meine Vorhaben – welcher Art auch immer – in

die Realität umzusetzen. In meinen Augen gibt es nichts, was den Charakter so positiv

formt wie das regelmäßige Meistern neuer Herausforderungen, das Suchen und Finden

von Lösungen sowie das stetige Vorantreiben eines klaren Ziels.

So steckte ich mir den Zeitrahmen Mitte Februar bis Mitte Juni, also vier Monate, und

plante, autark und nachhaltig mit meinem Reiserad Europa auf eine völlig neue,

individuelle Weise zu erkunden. Nach sorgfältiger Planung und Materialtests war es

dann am 19. Februar so weit, trotz frostiger Temperaturen. Die Packtaschen waren

montiert, das Navi programmiert, und mit der Nase im Wind ging es von Übersee aus in

Richtung Südwesten. Mein Ziel war es, die iberische Halbinsel allein mit reiner

Muskelkraft zu umrunden. Der Höhepunkt dieser ersten Etappe sollte der Süden

Portugals sein, wo ich Anfang April meinen 50. Geburtstag feiern wollte, inmitten meiner

Familie und Freunde.

Und los ging’s…..

Zu Beginn war es entscheidend, meine Motivation trotz Kälte, Schnee und Wind

aufrechtzuerhalten. Mein Freund Dipo begleitete mich in der ersten Woche und

unterstützte meinen Start. Gemeinsam geht einfach alles besser. Unsere Route führte

uns über Miesbach, Bad Bayersoien nach Füssen und schließlich zum Bodensee.

Unterwegs besuchten wir Freunde, genossen warme Mahlzeiten und erfreuten uns an

der Wärme und Unterstützung. Gemeinsam setzten wir unsere Reise fort über das Jura-

Gebirge weiter nach Genf. Ab Genf war ich nun allein unterwegs, diesmal in Richtung

Frankreich.Ab dem Zeitpunkt, als ich alleine unterwegs war, hatte ich den festen Entschluss gefasst,

mein autarkes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Allerdings erwies sich diese Idee bei

winterlichen Temperaturen als weniger durchdacht. Trotz aller Kleidung und

motivierender Gedanken konnte ich in dieser kalten Nacht keinen Schlaf finden.

Obwohl die erste Nacht nicht gerade angenehm war, verbesserten sich die folgenden

Tage zum Glück stetig.Die Reise setzte sich fort, zunächst im Wechsel zwischen Übernachtungen im Freien,

Pensionen und privaten Unterkünften über Plattformen wie "warmshowers" und

"couchsurfing". Die Technik erwies sich wirklich als ein Segen für Reisende, nicht zuletzt

aufgrund der wunderbaren Navigationsmöglichkeiten.

Meine Route führte mich weiter südwestlich, durch Frankreich und das Rhône-Tal

hinunter. Das Wetter blieb allerdings launisch, kühl und windig, dennoch wurden die

sonnigen Lichtblicke häufiger. Ich genoss es, mich nun gut eingespielt zu haben. Täglich

legte ich im Schnitt etwa 100 km und rund 1000 Höhenmeter zurück. Ich hatte meinen

Rhythmus gefunden, der mir guttat. Mit gut organisierter Ausrüstung und Verpflegung

befand sich alles im Fluss.

Anfang März erreichte ich den Süden Frankreichs. Am 7. März, nach 16 Tagen auf

Reisen, überquerte ich die spanische Grenze in den Pyrenäen, bei erneut kühlem und

windigem Wetter. Die traumhafte Landschaft entschädigte mich jedoch für die Launen

des Wetters. Mein Weg führte mich nun weiter südlich Richtung Barcelona. Bis zu

diesem Zeitpunkt hatte ich kaum andere Radreisende getroffen. In Spanien ergaben

sich endlich erste Kontakte, und ich fand außergewöhnliche private

Übernachtungsmöglichkeiten. Hier fühlte ich mich herzlich willkommen, wurde bekocht

und durfte mich oft wie zuhause fühlen.Meine Routen blieben jedoch anspruchsvoll, geprägt von häufigem Regen, der zu

schlammigen Radwegen und unwegsamem Gelände führte. Das zwang mich teilweise

dazu, mein mit 45 kg schweres Reiserad zu schieben. Die Radreise spiegelte das Leben

wider – mal Regen, mal Sonnenschein, mal Gegen- und mal Rückenwind.Ein lustiges Erlebnis im tiefsten Spanien war die Übernachtung in einem

Gartenhäuschen, für das mir über einen "warmshowers"-Kontakt ein Schlüssel hinterlegt

worden war (siehe unten den Pfeil).

Ich hatte das Privileg, dieses kleine "Haus" ganz für mich allein nutzen zu dürfen, und die

vielen Beweise des Vertrauens, die mir während meiner Reise entgegengebracht

wurden, werden sicherlich mein Herz für den Rest meines Lebens prägen.

Die großzügige Gastfreundschaft der Menschen, die ich auf meiner Reise erlebt habe,

ging weit über meine Erwartungen hinaus. Sogar abends wurde ich von meinen

Gastgebern kulinarisch verwöhnt, und diese Momente des gemeinsamen Genießens

sind unvergesslich.

Pünktlich Anfang April erreichte ich die Südküste Portugals. Bis zu diesem großen

"Halbzeitziel" hatte ich bereits rund 3500 km zurückgelegt. Glücklich und dankbar

gönnte ich mir hier zwei Wochen "Urlaub". Ich besuchte Freunde, die aus meiner Heimat

Ruhpolding an die Algarve ausgewandert waren, und freute mich, endlich meine Familie

und gute Freunde wiederzusehen. Gemeinsam verbrachten wir unbeschwerte Tage,

genossen nun auch endlich sommerliche Wärme und feierten meinen Geburtstag und

das Leben.Die Reise führte mich dann entlang der Westküste Portugals Richtung Norden. Hier

hatte ich teilweise mit massivem Gegenwind vom Atlantik zu kämpfen, was sich eher wie

ein Rückwärtsschritt als ein Vorwärtsschritt anfühlte. Das spürten auch meine Knie, und

dieser Abschnitt gestaltete sich entsprechend herausfordernd. In Porto, im Norden

Portugals, bekam ich Besuch von meinem Freund Ingo, und ich gönnte meinem Körper

somit eine wohlverdiente kleine Auszeit.

Die Atlantikküste präsentierte sich rau und wild, aber zugleich wunderschön. Doch auch

die Sonne und die Wärme nahmen auf dieser Etappe Fahrt auf.Schließlich erreichte ich den Norden Spaniens und traf hier auf den Jakobsweg und

Santiago de Compostela. Nun wurde meine Reise richtig bunt. Die Begegnung mit

Pilgern und Radreisenden erfüllte mein Herz, da ich so viele positiv gestimmte

Menschen traf. Überall spürte man Freundlichkeit und Herzlichkeit. Ein fröhliches „buen

camino“ begleitete mich bei jeder Begegnung. Hier wurden nicht nur die Füße mit

Pflaster versorgt, sondern auch Seelen mit dem Spirit des Pilgerns geheilt.

Auf meinem Weg schloss ich Freundschaften mit

Mauritio, einem Kolumbianer, Nadja, einer Polin,

und einem Paar, Anita & Bruno aus der Pfalz. Jeder

hatte seine persönliche Geschichte und seinen

individuellen Antrieb im Gepäck. Es entwickelte sich

ein wunderbares Miteinander, ein reger Austausch,

gegenseitige Unterstützung, das Kennenlernen von

Geschichten und auch das schmerzhafte, aber

notwendige Verabschieden gehörte dazu.Mit Anita & Bruno setzte ich meine Reise für etwa eine Woche gemeinsam fort, da wir

uns für die gleiche Route entschieden hatten. Entlang der spanischen Nordküste

verbrachten wir nun die meisten Nächte im Zelt, auf Weinbergen oder neben dem

Camino. Jeden Tag genossen wir die Strecken und Pässe und meisterten gemeinsam

auftretende Herausforderungen. Zum Beispiel mussten wir Brücken überqueren, die

noch nicht fertiggestellt waren – ein echtes Abenteuer. Doch die beeindruckende

Landschaft und die persönlichen Erlebnisse machten jede Anstrengung um ein

Vielfaches wett.In Bilbao bekam ich erneut Besuch, diesmal alleine von Petra. Zusammen verbrachten

wir einige freie Tage im Baskenland mit Wandern, Yoga und köstlichem Essen. Petra

stattete mich mit einer "Sommerausrüstung" aus, denn Mitte Mai hatte die

Winterbekleidung nun endgültig ausgedient. Auch neue Radschuhe waren vonnöten,

da die alten aufgrund der Strapazen der letzten beiden Monate langsam aufgaben.

Dieser Austausch der Schuhe wurde nicht nur zu einem praktischen Bedarf, sondern

auch zu einem symbolischen Akt, denn mit neuen Schuhen setzte ich meinen Weg auf

neuen Pfaden fort.Voller Freude radelte ich gemeinsam mit Justus weiter nach San Sebastian und nun

erreichten wir Ende Mai wieder die Grenze Frankreichs, von dort fuhr ich wieder alleine

weiter, da Justus Richtung Nordkap radelte.

Jetzt ging es für mich bei an die 40 Grad Hitze durch den unteren Teil der Pyrenäen in

Richtung Provence. Mittlerweile befand ich mich auf meiner 69. Radetappe als ich

aufgrund der Anstrengung, der Hitze und dem Fehlen eines Übernachtungsplatzes

nahe der Verzweiflung war.

Mein persönlicher Retter in dieser verzweifelten Situation war ein französischer Pfarrer,

der meine Not erkannte. Er lud mich ein, mein Zelt in seinem Garten aufzustellen,

versorgte mich mit köstlichem Essen und gewährte mir die mehr als nötige Dusche und

Rast. Meine Dankbarkeit an diesem Abend kannte keine Grenzen. An jenem Tag, als die

Hitze fast unerträglich war und meine Kräfte zu schwinden drohten, wurde ich von einem

gütigen Menschen aufgefangen, und das machte diesen Moment zu einem der

bedeutendsten und herzerwärmendsten meiner gesamten Reise. Diese unerwartete

Hilfe wie ein Geschenk des Himmels.Ein paar Tage später, mitten im französischen Nirgendwo, lernte ich den „Odl Sepp“

kennen, ein bayerisches Original aus Amerang. Wir verbrachten spontan den Abend

miteinander im Biergarten, tauschten Geschichten aus der gemeinsamen Heimat aus.Wie schön war es, mal wieder bayerisch sprechen zu dürfen und verstanden zu werden.

In dieser unerwarteten Begegnung fand ich nicht nur Gesellschaft, sondern auch ein

Stück Heimat, das mir auf meiner Reise sehr fehlte.

Nun folgte ein emotionaler Moment, als ich auf meiner 76. Etappe meine

Hinreisestrecke kreuzte. Ein Deja-Vu, und plötzlich hatte ich wieder bekannten Boden

unter den Reifen. Die Hitze hielt an, während ich mich Tag für Tag Richtung Osten nach

Italien über Monaco vorwärts rackerte. In dieser Phase erlebte ich verrückte Tage – von

dekadentem Monaco zu ländlichem Italien, begleitet von Jubelmomenten, wenn ich der

Heimat näher kam, aber auch von Hitze und dem Wunsch nach Ruhe und Erholung.

Mit Entschlossenheit, einer positiven Grundhaltung und der Energie, mich

durchzusetzen, erreichte ich schließlich San Remo. Dort stieß ich auf einen legendären

Campingplatz, der mir nochmals zusätzliche 230 Höhenmeter bescherte. Diese

zusätzliche Anstrengung machte den Tag zwar besonders herausfordernd, aber die

atemberaubende Aussicht und die idyllische Lage entschädigten mich für all die Mühe.Die Reise führte mich weiter, schon fast die Heimatluft in der Nase, über Naturreservate

und die Po-Ebene zum Gardasee. Nach einem kurzen, trubeligen Aufenthalt ging es

hoch zum Brenner. Dort durfte ich einen demütigen Moment innehalten, als mir bewusst

wurde, dass mein Traum tatsächlich in Erfüllung gegangen war. Voller Dankbarkeit,

innerer Freude und einem Grinsen im Gesicht kam ich auf meiner vorletzten Etappe auf

dem Samerberg an. Hier wurde ich von Tom mit Weißbier und Schweinebraten

empfangen, und es fühlte sich an wie wieder daheim. Der Tag bzw. der Abend dauerte

lange und war mehr als gelungen. Am nächsten Tag wurde ich von meinem Freund

Klaus auf dem Rad nach Hause begleitet, aber davor durfte der Besuch bei Petra im

Café Rosa nicht fehlen. Endlich wieder dahoam.Gesund, ohne schwere Stürze oder

größere Defekte am Rad und nur mit

Muskelkraft, dem Rückhalt meiner

Lieben, meinem starken Willen und

einem tiefen Vertrauen legte ich in

vier Monaten rund 7012 Kilometer

und 62990 Höhenmeter zurück,

verteilt auf 94 Radltage.

Ein herzliches Dankeschön für all die

Begegnungen, für jede Form der

Unterstützung und für das wertvolle

Geschenk des Lebens, das mir solch

unvergessliche Erlebnisse schenkt.

In tiefer Dankbarkeit,

Alexander












9 Ansichten0 Kommentare

Comments


bottom of page